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Oliver Gassner

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net.lit

Oliver Gassner: Februar, August 1997

  • Thesen zur Netzliteratur
  • Ein Definitionsversuch
  • Thesen zur Netzliteratur
    • 0.0 wenn von "texten" die rede ist, so versteht sich hierunter auch die multimediale kombination von kommunikaten.
      • 0.1 wenn von "texten" die rede ist, so sind auch sachtexte gemeint.
      • 0.2 wenn von "netzliteratur" die rede ist, so sind texte mit künstlerischem anspruch gemeint, ohne dabei auf einem klassischen autorenbegriff zu bestehen.
      • 0.3 der koordinator von maschinellen oder kollektiven texterstellungsprozessen kann z.b. textoperator genannt werden.
      • 1.0 texte im netz liegen in elektronischer form vor. als datei ohne "substanz".
        • 1.1 elektronische texte sind leicht veränderbar.
        • 1.2 elektronische texte im netz entstehen und verändern sich in kollektiven prozessen. (beispiele: RFCs, FAQs etc.)
        • 1.3 diese prozesse laufen nach technischen und sozialen "protokollen" ab.
          • 1.3.1 die protokolle sind selbst der veränderung unterworfen. sie stehen teilweise zur diskussion, teilweise entziehen sie sich auch diesem "demokratischen" zugriff.
         
      • 2.0 konstitutiver faktor des netzes ist die kommunikation, die es ermöglicht.vor. als datei ohne "substanz".
        • 2.1 konstitutiver faktor von netzlitertur ist, dass kommunikation zum unabdingbaren bestandteil von texten wird.
        • 2.2 netzliteratur nutzt einen oder mehrere kommunikative protokolle des netzes (z.b. email, file transfer,www/html, chat etc.) als _wesentliches_ element des textes.
        • 2.3 _wesentlich_ ist das benutzte element dann, wenn durch dessen "entfernung" aus dem text der text eigenschaften (signale) verliert, die dessen rezeptionsweise verändern oder seine produktionsweise verschleiern.
        • 2.4 eine der rezeptionsweisen von text im netz ist der der verlust der anfang-mitte-ende-sequenz im hypertext: der text verliert anfang und ende, ohne unendlich zu sein.
          • 2.4.1 diese rezeptionsweise ist nicht _nur_ im netz vorhanden aber ausserhalb des netzes nur schwer in gleicher weise emulierbar.
          • 2.4.2 der text im netz ist _theoretisch_ auch unendlich in raum (speicherplatz) und zeit (daten altern nicht, da sie substanzlos sind).
        • 2.5 produktionsweisen von text im netz sind zitat und reaktion, rückkoppelung und demokratische abstimmung.

      Ein Definitionsversuch
      • ZEIT & Softmoderene verwechseln "Hyperfiction" mit "Netzliteratur". Sie _meinen_ Hyperfiction, _sprechen_ aber von Netzliteratur. Wahrend Hyperfiction "nur" HTML und dessen Plugins nutzt (faktisch also "hoechstens" das http-Protokoll aus der Internet-Suite benutzt bzw. eben ganz ohne das Netz "an sich" auskommt), waere "Netzliteratur" eine Kunstform, die als notwendige (aber nicht hinreichnde) Bedingung auf einen kreativen Prozess basiert, der durch vernetze Kommunikation bestimmt (oder zumindest tangiert) wird.
      • "Netzliteratur" ist so _weit_ wie moeglich zu fassen.
      • Es bringt wenig, Netzliteratur so zu definieren, dass einige Texte "durch das Raster" fallen. (Das ist das _Gegenteil_ eines zu offenen Kunstbegriffs, auf den Kunstcharakter der "Arbeiten" wuerde ich weiterhin beharren.
      • Es geht darum, die Texte "formal" nicht einzuschraenken. d.h. ein literarischer Papiertext, der massiv von Netzkommunikation beeinflusst ist, waere nach dieser Definition ebenfalls "Netzliteratur".)

       

 

 


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