Erforschung von Mailinglisten?

Liebe Listige,

da ich seit längerem in verschiedenen Mailinglisten bin und auch mal selbst eine aufgebaut (und abgewickelt) habe, weiß ich, daß an einigen Stellen mit der wissen- schaftlichen Betrachtung des "Listenwesens" begonnen worden ist.
Wenn ernsthaft geforscht wird, geht dies natürlich nicht ohne Verwendung des Orginalmaterials ab. Wissenschaft lebt nicht vom Hören-sagen.
Soweit Forschung bisher unter Listenmitgliedern am Rande Thema war, wurden zwar kritische Fragen angesprochen, aber die Haltung zur Erforschung der Cyberkommunikation schätze ich persönlich eher positiv ein (weil es ja viele selbst interessiert).
Doch ist es sicher ein Problem, dass Listenmitglieder ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Öffentlichkeit einer Mailingliste hatten, während sie ihre Beitraege schrieben. Zwar ist vielfach darauf hingewiesen worden, doch war sicher vielen nicht immer klar, was das bedeuten kann.
Wer will z.B. unbedingt in der Anlage eines Forschungsberichts seine Mail von vor drei Jahren finden, geschrieben morgens um 4.30 nach einigen geistigen Getränken? Schlimmer noch: man findet sie vielleicht nicht selbst, aber der Kollege, Kunde, Lehrer, Arbeitgeber, Ehefrau, Mutter, Parteigenosse?
Nun gut, ein seriöser Forscher wird wahrscheinlich über Traditionen verfügen, die solche Irritationen vehindern. Das aber weiß das "Cybervolk" vielleicht nicht, das nur irgendwo hört, nun werde geforscht.....
Aktueller Anlaß dieser Mail ist der Hinweis in der Liste Netzliteratur auf eine Webseite, die einen "Mitschnitt" der Liste über drei Monate enthält: zur Verwendung innerhalb eines Seminars.
Mich würde interessieren, was mehrere dazu denken. Sicher ist auch nicht allgemein bekannt, was Forschung offline darf und nicht darf - online ist es sicher wie vieles eine "ungeklärte Frage", die sich aber vielleicht "aushandeln", zumindest konstruktiv diskutieren läßt.
DIESE Mail poste ich in mehrere Listen, weil das Thema von allgemeinem Maillistennutzer/innen-Interesse ist. (Im Einzelnen an IMD-L, Netzliteratur, Home, WebschriftTALK, PhilWeb, FemTec-L - in je einer Mail, damit kein crosspost-Salat entsteht) Antworten und Beitraege, ob privat oder über Liste, möchte ich für alle lesbar auf eine Webseite stellen. Wer das nicht will, möge es auf seiner Mail vermerken.
Auch diejenigen, die bereits forschen oder an Materialien arbeiten, will ich ermuntern, sich nicht der Diskussion zu verweigern. Die Mailinglisten sind immerhin Kommunikationsgruppen, die wir alle schätzen, sonst wären wir nicht "hier" ;-) - -
ALSO sollten wir dieser neuartigen Art der vernetzten Öffentlichkeit auch eine Chance geben. Kommunikation im besten Sinne schafft Vertrauen und klärt die Verantwortungen.
Doch setzt das gegenseitige Achtung voraus - unter beliebigen Unbekannten zwar oft moralischer Anspruch, aber nicht immer Praxis (wir sind auch online keine besseren Menschen ;-)). Flames und sonstige Niedermach-Beiträge (rassistische, sexistische, persönl. beleidigende) werde ich auf der Webseite nicht ausstellen.
Zum Schluß: Forschung im Cyberspace ist auch Geschichtsschreibung, aber dazu muß sie sich beeilen. Ich habe bemerkt, daß vielerorts Webseiten im nachhinein verändert werden, auch Mails aus Listenarchiven werden nachträglich gelöscht. Von mir verlangen Autoren, Beiträge zu kollektiven Geschichten aus dem Web zu nehmen, weil sich die soziale Beziehung zu anderen Beteiligten geändert hat.
Wenn das so weitergeht, ersteht schnell ein "1984 von unten"! (Für die Unkundigen dieses Klassikers: in der Story gab es drei totalitäre Diktaturen, von denen sich immer zwei gegen die dritte verbündeten. Die Koalitionen konnten aber von einem Tag zum andern wechseln: der Feind von gestern, war heute Freund und Verbündeter, der andere also "schon immer" Feind gewesen.... und entsprechend wurden die Buecher und Plakate umgeschrieben / neu gedruckt).
Das Thema "Beforschung von Mailinglisten" eröffnet vielleicht auch neue Perspektiven des geregelten Gebens und Nehmens. So könnten die Universitäten Öffentlichen Raum auf ihren Servern zur Verfügung stellen (wie sie es jetzt vielerorts bereits tun), allerdings nicht nur für universitäre Kreise, sondern eben auch fürs gemeine Volk (von den Netzliteraten bis zur Schweinezüchterliste). Als Gegenleistung für das anfallende "Forschungsmaterial" und mit offener Verankerung der "Sponsor-Vereinbarung" in der jeweiligen Listen-Präambel.
Für jetzt genug - das Thema der "zu langen Mail" ist auch ein allgemeines, und diese Mail ist schon recht lang.
So long
Claudia Klinger

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