Erforschung von Mailinglisten?
Beiträge von Listenteilnehmern

           H.J.Niemann schreibt:

Liebe Frau Klinger,

vielen Dank für das interessante Thema. Sie stellen u.a. die Frage "Wer will z.B. unbedingt in der Anlage eines Forschungsberichts seine Mail von vor drei Jahren finden, geschrieben morgens um 4.30 nach einigen geistigen Getränken?"

Warum denn nicht? - Aber ich verstehe das Problem, bzw. ich verstehe es so: Gemeinsam kann unsere Intelligenz (inklusive 'Schnapsideen') unglaublich viel größer sein als die eines einzelnen, sogar als die eines genialen Menschen und diese Möglichkeit dürfen wir uns nicht zerstören lassen. Das Web ist nicht nur Mittel, Ideen zu produzieren, sondern es kann auch unklare Probleme in deutliche erkennbare Probleme verwandeln und es kann Lösungen finden, auf die kein einzelner gekommen wäre.

Aber wie beim brainstorming gibt es zwei Nachteile:
(a) unhaltbarer oder längst aufgegebene Gedanken können uns in Forschungsberichten oder anderweitig in unliebsamer Weise nachgetragen werden;
(b) wer sein Urheberrecht liebt, wird nicht mitmachen wollen, weil das Urheberrecht gewissermaßen über viele Personen verschmiert wird.

Ohne das ganze Web auf große Regeln einzuschwören, kann jeder selbst dem abhelfen. Er/sie braucht nur seine innere Einstellung etwas neuzujustieren.
Zu (a): Es muß uns egal sein, daß es Leute gibt, die nicht an Problemlösungen interessiert sind; es wird immer Störer geben, über die die Problemlöser einfach hinweggehen sollten.
Zu (b) (frei nach Gustav Mahler übrigens): Es kommt nicht darauf an, wer etwas Gutes beiträgt, Hauptsache es wird beigetragen. Mein Ideal wäre, daß man bei wichtigen Problemen, es aufgeben sollte, sich als Urheber einzubringen. Das mag lebensfremd klingen, aber es gibt im Web überraschenderweise viele Teilnehmer, die ohne Urheberstempelchen arbeiten und Informationen und Beiträge liefern, ohne dafür irgendeine Anerkennung zu erwarten. Es gibt offenbar Leute, die Spaß daran haben, daß sich etwas bewegt und daß es sich in die richtige Richtung bewegt.

Eine Schwierigkeit sehe ich ganz woanders: Wenn das Web mehr bringen soll als nur persönliche Anregung, wenn man tatsächlich einmal versuchen möchte, ein bisher unlösbares Problem zu lösen, dann ist außer Teilnahme möglichst vieler aus möglichst vielen Disziplinen und Lebensbereichen (*Partizipation*), außer freier Äußerung von Ideen und Alternativen (*Konkurrenz*), außer Auswahl der besseren Ideen (*Kritik*) auch noch Festhalten des bisher Erreichten (*Tradition*) nötig.

(Nota bene: Solche Dinge aus Partizipation, Konkurrenz, Kritik und Tradition heißen *lernende Systeme*. Funktionierende Beispiele für lernende Systeme, deren Intelligenz die genialer Einzelmenschen weit übersteigt, sind die Wissenschaft, die Demokratie, die Wirtschaft, aber auch ein Gesetzbuch, ein Fotoapparat, ein Auto.)

Am letzteren, an Tradition, mangelt es zur Zeit. Es gibt viele interessante Diskussionen, aber alles verpufft im leeren Raum. Soweit ich weiß, gibt es keine institutionalisierten Zusammenfassungen, die die Weiterentwicklung eines bestimmten Problems kurz nachzeichnen, und die die jeweils bisher erreichten besten Lösungsversuche dokumentieren. Nur wenn das gegeben ist, können Gedanken in vernünftiger Weise wie ein Strickstrumpf von vielen gestrickt werden. (Möglicherweise bin ich hier gänzlich uninformiert und bitte dringend, die die's besser wissen, um Aufklärung)

Kurzum: Statt Webregeln brauchen wir nur unsere innere Einstellung so zu ändern, wie die es taten, die im Web bereits an *lernenden Systemen* mitarbeiten (im einfachsten Fall z.B. an Literaturlisten). Was wir brauchen, ist eine besondere qualifizierte Art der Moderation, die Ergebnisse beurteilt und zusammenfaßt, wobei die Kürze und Richtigkeit die Qualität bestimmen.

Es wäre schön, wenn einer der Berufenen in dieser Richtung einmal etwas bei DFG anstoßen würde, z.B. *Qualifizierte Moderation eines lernenden Systems im Web zur Lösung des konkreten Problems xyz* (man braucht da ja immer eine Handvoll Fremdwörter, sonst gibt es nichts).

Diese Ideen sind nicht auf meinem Mist gewachsen (sondern auf einer Spezialmischung aus Hayek-Popper-Albert), aber das spielt hier keine Rolle.

Freundlich grüßt
Hans-Joachim Niemann

The Philosophical Workshop on Web




           J.S.Bielicki schreibt:

Ich halte eine Veröffentlichung meiner Mails ohne meine ausdrückliche Erlaubnis und gleich zu welchem Zwecke für unzulässig. Ein solcher "Mitschnitt" ist einer unerlaubten Tonbandaufnahme gleichzusetzen. Auch die sog. Wissenschaft (die m.E. im Bereich der sog. Geisteswissenschaften fast nur Schund produziert, vermehrt und katalogisiert) muss sich an die Erlaubnis der Menschen halten, die sie "erforschen" will - ansonsten reduziert eine solche "Wissenschaft" den zu "erforschenden" Menschen zu einem blossen Objekt.

Mit einfacheren Worten: ein solcher Mitschnitt ist eine Schweinerei. Aber was tut der Mensch nicht alles aus Eitelkeit...

Julian

http://www.jsbielicki.com/



           Ingo Mack schreibt:

hallo claudia,

zu diesem thema hatte ich mal was gebastelt:

-- vom nutzen der archive --

wenn du zeit und lust hast, eventuell passt es ja zu dem was du vorhast :)

gruesse aus salzgitter
ingo



           Birgit Bachmann schreibt:

Hi Claudia, wahrscheinlich gibt zur Veröffentlichung von Inhalten aus Mailing-Listen so viele Meinungen wie Webber. Hier nun meine:

Also ich bin generell beim Schreiben recht vorsichtig, man weiß ja nie, ob nicht ein 'unbefugter' den Brief in die Hände bekommt. Natürlich ist es auch in Gesprächen möglich, dass vertrauliche Informationen an andere weitergegeben werden, aber das kann man halt nicht verhindern.

Schreiben hat bei mir viel mit Vertrauen zu tun. Das gilt natürlich auch für Mails. In Mailing- Listen bin noch ein wenig vorsichtiger. HOME gefällt mir deswegen, weil es ein relativ kleiner Kreis ist, aus dem ich einige doch ganz gut kenne. Erstmal gehe ich in keinster Weise davon aus, daß Inhalte daraus irgendwie veröffentlicht werden, d.h. an andere Leute gelangen als an die, die sich in der Liste befinden. Eine Mailing- Liste ist schließlich kein Forum.

Falls aus irgendwelchen wirklich guten Gründen Dinge aus Mails zitiert werden sollen, dann kann das nur mit vollständiger Anonymisierung geschehen. Das deutschsprachige Web ist noch so klein, daß es nicht genügen würde, Claudia K. aus B. zu schreiben. Da wüßten doch eigentlich alle, daß es sich nur um Dich handeln kann. Auch die Initialen wären nicht anonym genug, ich unterschreibe z.B. manchmal einfach mit BB.

Ich kann mir vorstellen, daß manche dies ganz anders sehen, entweder aus Eitelkeit, weil sie es geil finden, ihren Namen irgendwo zu lesen, oder weil sie es völlig selbstverständlich finden, wenn sie auch beruflich viel unter ihrem Namen publizieren.

So, für meine Verhältnisse ist das jetzt ein langes Mail geworden.

Grüße
Birgit

Birgits Webprojekte



           Wolfgang Schimmel schreibt:

Urheberrechte sind auch im Internet nicht aufgehoben. Wer etwas in eine Mailingliste postet, richtet diesen Beitrag an die begrenzte Öffentlichkeit eben dieser Mailingliste. Ebenso wie ein Zeitungsredakteur seine Nachricht über eben dieses Medium an die begrenzte Leserschaft des Mediums richtet. Daraus abzuleiten, daß der Beitrag selbst quasi "zur freien Entnahme" ist und daher nach Belieben weiterveröffentlicht werden könnte, wäre eine falsche und u.U. fatale Rechtsmeinung.