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2001-05-05
Wie soll man sich denn heut' noch politisch betätigen?, fragt mich ein Freund und meint damit eigentlich: es ist obsolet, sinnlos, langweilig - "die Politik" habe ja schon lange keine Macht mehr, wozu sich also einen Kopf machen? Gewisse Perspektiven zeigt da z.B. Frédéric Beigbeder auf: Mit seinem Enthüllungsroman 39.90 greift er als Insider die Werbeindustrie an. Hier das Interview "Das kranke Spiel mit der Sehnsucht", sehr lesenswert! . . Man stelle sich vor, die Nachrichten handelten nicht mehr von den Machenschaften der Politiker, sondern von denen der Marken: Proteste gegen Danone, Nike, Coca Cola und andere, Demonstrationen gegen das Markenrecht, Konsumentenstreiks, Aktionärsklagen, Autoren fordern die enteigneten Wörter zurück... Beigbeder: Unsere Wirklichkeit wird von Marken aufgekauft. Die Sprache zum Beispiel, die jedem von uns gehören sollte, wird immer mehr privatisiert. Nestlé hat sich das Wort "Glück" als Markennamen schützen lassen, Pepsi gehört das Wort "blau". Vor kurzem hat ein Comic-Zeichner die Stadt Dijon abbilden wollen. Da er die Realität gezeichnet hatte, war neben Kiosken und Autos auch ein Werbeplakat mit Mickeymouse vom Pariser Disneyland zu sehen. Disney hat mit Erfolg gegen ihn prozessiert, um die Mickeymouse-Darstellung zu verbieten. Täglich gibt es jetzt solche Rechtsstreitigkeiten. Oh ja, im Netz werden wir geradezu überschüttet von dreisten Klagen der Markenrechte-Inhaber, die nach und nach das freie Publizieren zum Hochrisiko machen - geht das immer so weiter, ohne dass sich jemand mal wirksam wehrt? Hatten wir nicht mal sowas wie die Freiheit der KUNST, der Wissenschaft und der Presse? In Kanada gibts für diese Auseinandersetzung z.B. die Site Nologo.org - hierzulande ist nologo.de besetzt von einer Handelsgesellschaft. Ob die Besucher, die aufgrund des Namens dahin surfen, wohl zu Kunden werden? Ich zweifle... |