Zum Abschluß des Wettbewerbs möchte ich noch einmal zu der parallel gelaufenen Linkdiskussion und zu dem auch von einigen Netzliteraten unterstützten Aufruf Stellung nehmen.
Die Freiheit, im Internet die eigene Meinung in Wort und Schrift auszudrücken und dabei auch Quellen und Querverweise in Form von Links anzuführen, unterstütze ich im Rahmen meiner persönlichen und institutionellen Möglichkeiten uneingeschränkt. Eine rechtliche Einschränkung dieses in vielen Staaten, auch in Deutschland, verfassungsmäßig garantierten Rechts empfände ich als unerträglich.
 
Hier ist allerdings hinzuzufügen: Die bei uns geltenden gesetzlichen Regelungen können natürlich um das Netz keinen Bogen machen - eine sexistische Beleidigung oder rassistische Hetze bleiben also das, was sie sind, ob sie nun auf einem Plakat oder im Netz verbreitet werden, und ihre Urheber, sofern feststellbar, sollten zur Verantwortung gezogen werden.
 
Es steht im Belieben jedes Betreibers einer Homepage, unter seiner eigenen Verantwortung das Internet als Freiheitsraum zu erproben. Diese Freiheit nehme ich mir auch selbst.
 
Die Betreiber öffentlicher, allgemein zugänglicher Forum stehen allerdings häufig unter einem Spannungsdruck. Unter den Beiträgen findet sich manchmal nervig Nörglerisches, aggressiv Beleidigendes, aber auch rassistisch und sexistisch Unerträgliches (und im Prinzip Kriminelles). Die ARD-Homepage war einige Monate nach Gründung der Gegenstand von unappetitlichen sexistischen Dauerattacken, die Websites der EKD haben Ähnliches in diesem Frühjahr erlitten. Die Frage ist nun: Wollen die Betreiber so etwas *administrieren* oder *verhindern*. Wir haben uns für die Verhinderung entschieden.
 
Die Deaktivierung anklickbarer Links, das ist belegbar, führt zu einem rapiden Absinken des Interesses an provokativen Aktionen in Gästebüchern. Daher ist sie in meinen Augen nach wie vor das effektivste praktische Verfahren zur Behandlung von potentiellen Unliebsamkeiten. Moderierte Forum, das habe ich hier schon einmal gesagt, sind in meinen Augen eine größere Einschränkung, weil spontane Diskussionen schon durch zeitliche Hürden behindern können.
 
Es geht in der Auseinandersetzung nicht um die Freiheit der Links oder der Verlinkung. Verlinken Sie, was auch immer Sie wollen, wo auch immer Sie wollen - ich werde mich jedem Protestaufruf anschließen, wenn Ihnen und mir jemand die Möglichkeit dazu nehmen möchte. Es geht um die praktische Behandlung anonymer Unsäglichkeiten, die in unbewachte Gästebücher abgesetzt werden. Ich kann dabei aus der in der Not geborenen Taktik von ARD online, Radio Bremen und anderer öffentlich-rechtlicher Website-Betreiber keine allgemeine Regel machen; jeder Betreiber von Gästebüchern mag mit sich und seiner Institution einen eigenen Weg finden.
 
Und zum Abschluß noch einmal: Wenn Sie in c't Nr. 19/98 die einhelligen Stellungnahmen von Vertretern aller Bundestagsparteien für den Schutz der Anonymisierung und Pseudonymisierung persönlicher Identitäten im Netz lesen, können Sie natürlich China, Indonesien und viele andere Staaten anführen, bei denen die Anonymisierung von politischen Stellungnahmen im Netz eine persönliche Überlebensfrage ist. Sie hat in Überflußländern (materielle und politische Freiheiten) leider aber auch eine schmutzige Seite: sie ermöglicht das freie Geleit für anonyme Schmierfinken - und die bekannten Folgen, daß statt der Verursacher die Content-Provider oder Service-Provider verantwortlich gemacht werden sollen. Das bitte ich Sie zu bedenken; an einer Diskussion dieser Problematik würde ich mich jederzeit beteiligen.
 
Hermann Rotermund
ARD online
 
Quelle:
http://www.pegasus98.de/cgi-bin/Ultimate.cgi?action=intro