Macht das Web nicht unmöglich!

Erklärung von Netz-Autoren zum Thema 'Links auf andere Seiten' - anlässlich der Ereignisse im Internet-Wettbewerb PEGASUS'98

 
Wir protestieren gegen die im Zusammenhang des Internet-Wettbewerbs Pegasus'98 verbreitete Rechtsauffassung, wonach die Verfasser und Herausgeber von Webseiten für die Inhalte gelinkter Seiten haften. Die Angabe externer Quellen darf nicht zur Haftung für deren Inhalte führen! Sich als großer Content-Anbieter im Web schon jetzt so zu verhalten, als wäre eine solche Haftung bereits sicher und zur Rechtsnorm geworden, führt zur Verwirklichung genau solcher restriktiven Regelungen.

Kein Web ohne Links. Wir wollen und können keine Juristen bezahlen, die regelmäßig unsere Links verfolgen und die Inhalte begutachten. Internetliteratur und Netzkunst wäre in einem so reglementierten Umfeld kaum möglich - deshalb forderten wir die Veranstalter des Internet-Wettbewerbs Pegasus'98 auf, ihre Haltung zu überdenken und sich für ein freies Web einzusetzen.

new   Dies ist inzwischen gesehen. Im Wortlaut hier.


Oliver Gassner - Olivers Links zur Literatur
Guido Grigat - bla - Internet-Literatur-Webring / Webmaster
Jan-Ulrich Hasecke - juh's Sudelbuch
Claudia Klinger - Missing Link Cyberzine
Dirk Schröder - digiLit - Abenteuer digitale Literatur
Sven Stillich - Tabula Rasa 1.0

-   Weitere Unterzeichner




Was geschah:
Mitte August '98 wurde ausgerechnet auf den Seiten des Internet-Wettbewerbs Pegasus'98 ein unfassbares Beispiel für eine irreführende und den Unkundigen verunsichernde "Linkpolitik" gegeben.
In einer eher unbedeutenden Angelegenheit, der Deaktivierung der Auto-Linkfunktion im Forum des Wettbewerbs, schrieb der zuständige Techniker:

"Die Rechtsprechung legt anscheinend fest, daß die Betreiber eines Websites für die auf ihr enthaltenen Links voll verantwortlich sind. Man ist gar fuer die Links "1. Ordnung" auf Seiten, die man selber gelinkt hat, verantwortlich (da staune ich selbst)."

Später wurde diese Rechtsauffassung von einem der Träger des Wettbewerbs bestätigt. Dr. Hermann Rotermund, ARD-online, schrieb:

"Die beiden am Wettbewerb beteiligten Partner ARD online und Radio Bremen müssen sich an eine Rechtsauslegung halten, nach der der Betreiber einer Website auch für die auf ihr zu findenden Links verantwortlich ist. Dieser Auffassung müssen wir folgen, unabhängig von unserer persönlichen Auffassung."

Der Internet-Wettbewerb Pegasus98 (der Name erklärt sich daraus, dass dieser Wettbewerb in den Jahren 1996 und 1997 als Internet-Literaturwettbewerb ausgetragen wurde), wird veranstaltet von DIE ZEIT, IBM, ARD-online, Radio Bremen und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, ZKM, Karlsruhe.

Somit steht nun in einem offiziellen Internet-Auftritt einiger der ersten Adressen dieses Landes: aus dem Angebot, Links in WWW-Boards und Gästebücher einfügen zu können, folge unbeschränkte strafrechtliche Verantwortung - mit Signalwirkung bis ins letzte Dorfgericht.


Was darauf folgte:
Nach dem Protest von Netzautoren hat sich DIE ZEIT von dieser Auffassung vorsichtig distanziert. Im Auftrag schrieb die Moderatorin des Forums, Parvin Sadigh:

"Allerdings ist es aus Sicht der ZEIT im Internet nicht notwendig, das Forum aus rechtlichen Bedenken "linkfrei" zu halten. Links sind wesentlicher Bestandteil der redaktionellen Arbeit der ZEIT im Internet - und auch des Pegasus, wie man in den anderen Rubriken sehen kann. Und wir halten dies fuer einen hoechst erfreulichen Bestandteil des Webs, auf den wir nicht verzichten wollen."

Dennoch wurde die eigenwillige und gefährliche Rechtsauslegung bis heute weder von IBM noch von den übrigen Trägern des Wettbewerbs dementiert.

Einige Teilnehmer des Wettbewerbs haben daraufhin ihre Beiträge zurückgezogen, andere die ihren gar nicht erst eingereicht, wieder andere die Beendigung ihrer Teilnahme für den Fall angekündigt, dass hierzu eine korrigierende Stellungnahme der Träger nicht erscheint.

Bis heute könnten - dank eines unglücklichen Satzes - die Namen IBM, ARD online, Radio Bremen und ZKM mit einer extrem restriktiven Internetpolitik im Zusammenhang gebracht werden, die die im Ausland gehegten Befürchtungen über eine Behinderung des Internet in der Bundesrepublik Deutschland durch die spektakulären Urteile deutscher Gerichte, etwa im Fall des ehemaligen Compuserve-Managers Felix Somm noch weiter anheizen

Ging es im Fall Somm um Daten, die auf Rechnern von Compuserve lagerten, wird nun das bloße Verweisen auf andere Inhalte als Übernahme inhaltlicher Verantwortung interpretiert.


Was droht: Ein Netz ohne Links?
Das Besondere am WWW sind nicht die Millionen der hier verfügbaren Dokumente und Programme, sondern deren Verbindung durch Links. Was ein Katalog nach Art der Archive 'von oben' nicht mehr leisten könnte, schafft die Verknüpfung 'von unten' durch die Benutzer selbst. So wächst das Netz zu einer organischen Multimediabibliothek.

Ein Link ist nichts anderes als eine Adresse, die von der Benutzersoftware so interpretiert und umgesetzt werden kann, dass das verwiesene Dokument auf Mausklick unverzüglich aufgerufen wird. Wollte man grundsätzlich bei Einrichtung solcher Verbindungen / Links zwischen Dokumenten verschiedener Verfasser eine Rechtshaftung für die jeweiligen fremden Seiten annehmen, gar bei von Besuchern in Gästebücher geschriebenen Links, wären die Folgen absehbar:

  • Suchmaschinen, mit die wichtigsten Orientierungsinstrumente im Netz, wären nicht mehr legal zu betreiben, da niemand das Risiko für hunderte Millionen "gelinkter" Seiten tragen könnte.
  • unzählige private und nicht-kommerzielle Heimseitenmacher könnten aufgrund des Haftungsrisikos keine Außenlinks mehr setzen und gerieten zu toten "Inselseiten", die kaum jemanden zum Surfen verlocken.
  • Surfen im Web wäre mangels Links nicht mehr möglich.

Es gibt hierzulande keine "gängige Rechtsprechnung", die die Haftung für fremde Seiten grundsätzlich und vom Vorsatz unabhängig bei demjenigen sieht, der einen Link setzt (siehe unten die bisherigen Urteile). Noch nicht. Und es wäre das Ende des Webs, wie wir es kennen, sollte sich das ändern.


Zu guter Letzt:

Am 27.09.1998 erklärte Herr Dr. Rotermund, wiederum im Forum des Wettbewerbs:

"Die Freiheit, im Internet die eigene Meinung in Wort und Schrift auszudrücken und dabei auch Quellen und Querverweise in Form von Links anzuführen, unterstütze ich im Rahmen meiner persönlichen und institutionellen Möglichkeiten uneingeschränkt. Eine rechtliche Einschränkung dieses in vielen Staaten, auch in Deutschland, verfassungsmäßig garantierten Rechts empfände ich als unerträglich. "


Weiterführende Links

Pegasus98
Forum des Wettbewerbs

[C.Klinger]Nicht ohne meine Links
[Sudelbuch]De profundis clamavi ad legem
[Telepolis]ARD: Angst vor Fremd-Links
Freedom for Links
Wired: Germany's Internet Angst

Urteil AG Berlin-Tiergarten
Urteil LG Hamburg
Urteil AG München

ARD online
Radio Bremen
IBM
DIE ZEIT
ZKM

Vannevar Bush: As We May Think

...- (Literatur?)